Von Kulturen erzählen...
Do, 2 Juni 2016, 18.30 Erzählcafé
Festsaal im Rathaus St. Johann, Rathausplatz, 66111 Saarbrücken

Unter dem Oberbegriff „Heimat“ fand in diesem Jahr zum zweiten Mal das Erzählcafé statt. Die Besucher erfuhren aus erster Hand, welche Herausforderungen Immigranten erwarten und wie sie hier eine neue Heimat fanden. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung statt.

Die Begrüßung erfolgte durch den Präsidenten von Ramesch e.V., Herrn Mohamed Maiga, und den Leiter des Politischen Bildungsforums Saarland, Herrn Christoph Bors. Sie betonten wie wichtig es vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte ist, die Betroffenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Der interkulturelle Dialog  soll zur Versachlichung der geführten Debatten beitragen. Musikalisch begleitete der syrische Künstler Herr Mwoloud Daoud die Veranstaltung. Die Moderation übernahm die Vize-Präsidentin von Ramesch e.V., Frau Ursula Kimoto. Das Erzählcafé veranschaulichte, dass schon immer Menschen unterschiedlichster Herkunft in Deutschland beheimatet sind.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der gebürtige Italiener Herr Giovanni Di Rosa lebte zunächst sieben Jahre in Metz, bevor er 1964 aus familiären Gründen ins Saarland zog. Heute ist er der Präsident des Ausschusses für im Ausland lebende Italiener (Vertretung Saarland). Für ihn stellte der Weg aus Italien ohne Papiere eine Herausforderung dar. Er bewundert aber vor allem diejenigen, die heute den gefährlichen Weg über das Mittelmeer wagen.

Für Dr. Ryuko Woirgardt war ihr Idealismus die treibende Kraft: Japan war vom Krieg zerstört, viele Menschen litten Not. Sie war fest entschlossen, in Deutschland Sozialwissenschaften zu studieren, um den Menschen helfen zu können. Dafür gewann sie die Deutsche Botschaft in Tokyo, die ihr die nötigen Papiere ausstellte. Von japanischer Seite wäre dies aufgrund ihrer Minderjährigkeit nicht möglich gewesen. Seit 1959 lebt sie in Deutschland. Noch immer bewundert sie das Sozialsystem Deutschlands sowie die politische Kultur.

Im Gegensatz dazu war Frau Zalokha Hannan wegen des Krieges gezwungen, ihre Heimat Syrien zu verlassen. Vor zwei Jahren erreichte sie mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern Deutschland. Seitdem lernte sie die deutsche Sprache und absolvierte ein Praktikum im Kulturamt der Landeshauptstadt Saarbrücken. Man bewundert sie für ihren Mut, vor Publikum von ihren Erfahrungen zu erzählen.
Zalokha Hannan sprach voller Hoffnung von ihrer Zukunft in Deutschland, von den Freiheiten, von den Kinder- und Frauenrechten. Obwohl sie nicht freiwillig kam, ist sie fest entschlossen, hier eine neue Heimat zu finden. Besonders rührend war auch der Zwischenruf ihrer kleinen Tochter, die erklärte, sie „liebe“ Deutschland und wolle hier bleiben. 

Herr Dr. Abderrahim Benzian lehrte an der Universität in Oran (Algerien). Von Seiten der Regierung bestand ein Weiterbildungszwang, der ihn nach Deutschland brachte. Seine aus der DDR stammende Frau hatte er zuvor im Auslandsstudium kennengelernt, sodass bereits eine persönliche Bindung zu Deutschland bestand. Er promovierte in Sprach- und Literaturwissenschaft und arbeitet heute vor allem mit syrischen Flüchtlingen.

Frau Dr. Şennur Ağırbaşlı wurde als Kind türkischer Eltern in Deutschland geboren, wuchs jedoch bei ihren Großeltern in der Türkei auf. Ihr größter Antrieb nach Deutschland zu kommen, war die Faszination für das Land, in dem ihre Eltern lebten. Sie lernte die Sprache, schrieb ihre Magisterarbeit in Jura. Heute ist sie unter anderem Dozentin an der Universität des Saarlandes.

Obwohl die Erfahrungen unterschiedlich sind, offenbarte die Diskussion wichtige Gemeinsamkeiten. So zeigte sich, dass der Kontakt zu hier lebenden Menschen enorm wichtig war, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu schaffen.
Für Herrn Giovanni Di Rosa waren es die familiären Strukturen: Sein Schwager lebte in Luxemburg, sein Cousin bereits im Saarland. Frau Dr. Ryuko Woirgardt fand Anschluss durch die Anstellung bei einer Pastorenfamilie in Hannover, auch Frau Dr. Şennur Ağırbaşlı wurde durch die evangelische Gemeinde integriert. Frau Zalokha Hannan, die völlig unvorbereitet in Deutschland ankam, traf glücklicherweise auf hilfsbereite Menschen, die ihr unter anderem bei Anträgen halfen. Herr Dr. Abderrahim Benzian wurde insbesondere durch seinen Doktorvater und seine Arbeitskollegen integriert. Damit hatte er ironischerweise einen leichteren Start im Berufsleben als seine deutsche Frau.
Persönlicher Kontakt und der Dialog miteinander haben also einen hohen Stellenwert für die erfolgreiche Integration. Jeder einzelne kann dazu beitragen. Herr Giovanni Die Rosa betonte, dass auch die Immigranten sich politisch oder in Vereinen engagieren können, um diese Entwicklung zu beschleunigen.

Auch der Faktor Arbeit trug wesentlich zur Integration bei. Während für die älteren Teilnehmer es damals kein Problem war, eine Arbeit zu finden – dies betonte vor allem Herr Giovanni Di Rosa -, ist dies für die jetzige Generation der Zuwandernden nicht mehr so einfach. Dies führt der Mann von Frau Zalokha Hannan aus dem Publikum allen vor Augen. Für ihn prallen diesbezüglich Vorstellungen und Realität hart aufeinander. Trotzdem findet er seine Entscheidung, mit der Familie in die Migration zu gehen, gut und richtig, um ein neues Leben beginnen zu können.  

Das Erzählcafé bot dem Publikum die Gelegenheit, sich ebenfalls zu Wort zu melden. Die Fluchtgeschichte „andersherum“ erzählte, wie die Betroffene wegen des bevorstehenden Krieges aus Deutschland floh. Bei ihrer Rückkehr war Deutschland ein Trümmerhaufen, nie wieder sollte sich ein Gefühl von Heimat einstellen.

Unterhaltsam war die Geschichte eines gebürtigen Italieners, der 1959 als elfjähriges Kind in Saarbrücken ankam. Schwierigkeiten ergaben sich, als er feststellte, dass Elfjährigen das Arbeiten in Deutschland nicht erlaubt war. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits einen Monat in einer Ziegelei gearbeitet. Auch er hatte einen „Integrationshelfer“: Ein kleines Mädchen, weniger frech als die gleichaltrigen Jungen, brachte ihm spielerisch Deutsch bei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Trotz großer Zufriedenheit in Deutschland wurden durchaus einige Dinge vermisst. Gern würde man die Familie und die Freunde, aber auch die Landschaft vor allem das Meer und die Wüste, nach Deutschland verpflanzen. Da wir in einer interkulturellen Welt leben, trat Herr Giovanni Di Rosa am Schluss leidenschaftlich für den Europagedanken ein, für ein Europa, das die Menschen stärker an sich bindet. Noch einen Schritt weiter ging Dr. Abderrahim Benzian, der ein Gedicht von Khalil Gibran zitierte, in dem die Erde als Heimatland beschworen wird. So stellt das Aufeinanderzugehen, das gegenseitige Lernen und das gegenseitige Vertrauen für alle eine Aufgabe dar, die es zu bewältigen gilt.

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass viele Menschen unterschiedlichster Herkunft in Deutschland ihre neue Heimat gefunden haben. Die Teilnehmenden betonten vor allem die positiven Eigenschaften, sei es die politische Kultur, das Sozialwesen oder die Freiheiten in Deutschland. Beim anschließenden Umtrunk war die Möglichkeit gegeben, sich weiter auszutauschen. Das Erzählcafé war auch in diesem Jahr ein voller Erfolg.

 

Konrad-Adenauer-Stiftung e.V.

Ramesch – Forum für Interkulturelle Begegnung e.V.