Mit dem Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, Peter Stefan Herbst und Norbert Klein, Chefredakteur des Saarländischen Rundfunks haben zwei hochkarätige saarländische Journalisten mit der Kulturwissenschaftlerin Dr. Elena Kreutzer über die Repräsentation und Darstellung von Migranten in den Medien diskutiert. Ramesch e.V. hatte die drei Diskutanten unter dem Motto "Gesellschaftliche Vielfalt in den Medien" am Donnerstagabend des 26. Oktobers 2017 in die Räumlichkeiten der Stiftung Demokratie Saarland eingeladen. Die freie Journalistin, Sadija Kavgic, moderierte die Veranstaltung.

Den Anfang machte Mohamed Maiga, Vorsitzender von Ramesch e.V; er bedankte sich zunächst im Namen Rameschs bei den Diskussionsteilnehmern und stellte sie dem Publikum vor, um dann noch in aller Kürze auf seine Einschätzung einer angemessenen Medienberichterstattung über Migranten und Menschen mit Migrationshintergrund zu sprechen zu kommen, bevor er Frau Kavgic das Wort erteilte:"Probleme sollten nicht verschwiegen, aber auch nicht dramatisiert werden", forderte Maiga.

Jeder fünfte Einwohner Deutschlands hat einen Migrationshintergrund – diesen Umstand schickte die Moderatorin der Diskussion gewissermaßen voraus, um die Bedeutsamkeit der Thematik zu unterstreichen. Und auch dieser Teil der Gesellschaft habe eben ein Anrecht darauf, sich Gehör zu verschaffen, wie sie weiter ausführte. Und an der Verbreitung von Meinungen sind die Medien maßgeblich beteiligt. Vor diesem Hintergrund wolle man fragen, so Kavgic, wie es in der Region Sarlorlux um die Medienberichterstattung bestellt ist. Insbesondere über die "Vielfalt" in der Berichterstattung wolle man sprechen.

Hierzu bat Kavgic die beiden Chefredakteure zunächst um eine kurze Selbsteinschätzung:

Als Chefredakteur des Saarländischen Rundfunks ließ es sich Norbert Klein nicht nehmen, auf die besondere Rolle des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks hinzuweisen: Teil des Berufsethos von Journalisten sei es, die Verbreitung von Vorurteilen zu verhindern. Und Qualitätsmedien wie die Öffentlich-Rechtlichen bereiteten die Informationen eben besonders nachhaltig auf. Dieses Verantwortungsgefühl ist laut Klein aber nicht bei jedem Medienschaffenden präsent und Journalist sei eben keine geschützte Berufsbezeichnung.  

Der Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung, Stefan Herbst, betonte hingegen, wie wichtig es für die Berichterstattung der Saarbrücker Zeitung sei, dass auch Redakteure mit einem Migrationshintergrund Teil der Nachrichtenredaktion sind. "Das sorgt für einen besseren Blick auf Migrationsthemen", urteilte Herbst.

DSC07730

Anschließend stellte die Kulturwissenschaftlerin Dr. Elena Kreutzer in einem kurzen Referat zentrale Forschungsstellungen und Erkenntnisse ihrer Doktorarbeit über die Medienberichterstattung in der Großregion zum Thema Integration und Migration vor. Einleitend führte sie aus, dass die Medien grundsätzlich mit zwei entgegengesetzten Forderung konfrontiert werden. Zum einen sollen sie einen Beitrag zur Integration leisten und Vorurteile bekämpfen, zum anderen integrationshemmende Aspekte thematisieren. In dem kenntnisreichen Vortrag zog sie letztlich ein positives Fazit der Medienberichterstattung, problematisierte aber die Verwendung von Kollektivsymbolen wie "Flut" oder "Festung" bei der Thematisierung von Migration. Hier wäre aus ihrer Sicht eine sprachlich reflektierte Berichterstattung angebracht, um keine Krisenszenarien zu beschwören. Zu guter Letzt wies die Wissenschaftlerin noch darauf hin, dass nur nur ein bis vier Prozent der Journalisten einen Migrationshintergrund besitzen: Da Menschen mit Migrationshintergrund einen deutlich größeren Anteil an der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind sie folglich in der Berufsgruppe der Journalisten unterrepräsentiert.

Eine der zentralen, in der Diskussionsrunde vorgestellten Erkenntnisse ihrer Doktorarbeit lautete, dass das Luxemburger Wort über das Thema Migration ingesamt positiver berichtet hatte als die Saarbrücker Zeitung und der französische Republicain Lorrain. Das griff die Moderatorin denn auch gerne auf, um den Chefredakteur der Saarbrücker Zeitung um eine Stellungnahme zu bitten. Der antwortete auch prompt und stieß damit in der Diskussionsrunde eine Debatte über die angemessene Berichterstattung in der sogenannten Flüchtlingskrise an.

Die positivere Berichterstattung sei der Größe Luxemburgs geschuldet und dort richte man den Blick eben eher ins Ausland, resümierte Herbst. Und überhaupt sei es eben nicht Aufgabe der Medien, insgesamt positiv über das Thema zu berichten. Der Chefredakteur des SR sah das ähnlich, er ließ sich sogar zu der Einschätzung verleiten, dass die Medien in der Retroperspektive zu positiv berichtet hätten. Das sah die Kulturwissenschaftlerin Kreutzer anders: Die "Willkommenskultur" war aus ihrer Sicht ein positives Beispiel der Medienberichterstattung. Stattdessen kritisierte sie, dass der Flüchtling als zu Wort kommendes Mediensubjekt kaum präsent sei. Das wollte Herbst so nicht stehen lassen. Es liege in der Natur der Sache, dass Politiker öfter zur Sprachen kämen, entgegnete er.

DSC07740Es war letzlich die Aufgabe der Moderatorin, einen weiteren Aspekt der Medienberichterstattung einzubringen und zur Diskussion zu stellen: Kravgic bemängelte, dass der Rechten in der Berichterstattung zu viel Raum gegeben werde. Aus ihrer Sicht sei das einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig, urteilte sie. Das sahen die beiden Chefredakteure anders. Die Strategie der Saarbrücker Zeitung sei es, nicht die Augen zu verschließen, sondern genau hinzuschauen. Der Chefredakteur Herbst wandte ein, dass die Rechten es oftmals auf einen "Märtyrerstatus" abgesehen hätten, den man ihr aber nicht einräumen dürfe. Wie mit der Rechten diskursiv und medial umzugehen ist, darüber gingen die Meinungen auf dem Podium also weit auseinander.  

DSC07734

Abschließend hatte das Publikum noch die Möglichkeit, Fragen an die Diskussionsteilnehmer zu stellen, wovon es auch regen Gebrauch machte. Schnell entwickelten sich spannende Diskussionen mit den journalistischen Praktikern über das gesellschaftliche und mediale Klima, die "Verrohung" der Sprache in Leserbriefen und auf Facebook oder auch die Folgen des zunehmenden Zeitdrucks für die Qualität journalistischer Arbeit. Mit dem offiziellen Ende der Diskussionsrunde war die angeregte Debatte zwischen den Diskussionsteilnehmern und dem Publikum aber nicht beendet. Stattdessen konnte das interessierte Publikum bei einem Glas Wein oder Apfelschorle mit den Teilnehmern der Diskussion auf Augenhöhe diskutieren.