Homosexualität und Islam – geht das zusammen? - Kenntnisreich hat der Islamwissenschaftler Andreas Ismail Mohr unter dieser Fragestellung seine theologische Sicht auf das Verhältnis von Islam und gleichgeschlechtlicher Liebe im Saarbrücker Schlosskeller erörtert. Der Lesben- und Schwulenverband Saar (LSVD Saar) und Ramesch e.V. hatten den Berliner Islamwissenschaftler für den 10. November 2017 gemeinsam nach Saarbrücken eingeladen - und ein großes, buntgemischtes Publikum ließ es sich trotz des regnerischen Wetters nicht nehmen, der Veranstaltung beizuwohnen. Die Veranstaltung fand als Teil des Jahresprogramms "Vielfalt und Offenheit – Säulen einer freien Gesellschaft" von Ramesch e.V. sowie als Teil der Reihe "Gegenwind" des LSVD Saar statt.

Aus der Sicht des LSVD Saar und Ramesch e.V. sollte Mohrs Vortrag dazu beitragen, eine häufig zu stereotype und ohne umfassende Kenntnisse geführte Debatte zu informieren – das bekräftigten Hasso Müller-Kittnau, Vorsitzender des LSVD, und Mohammed Maiga, Vorsitzender von Ramesch e.V in ihrer jeweiligen Begrüßungsrede. Müller-Kittnau betonte außerdem, dass der LSVD auf die "scheinheilige und vermeintliche Unterstützung der AFD" verzichten könne und man sich "gegen jedwede Form eines gesellschaftlichen Rollbacks" einsetze. In seinem Vortrag stellte der Islamwissenschaftler dann grundsätzlich in Frage, dass es auf die Frage, wie der Islam zur Homosexualität steht, nur eine einzige Antwort gibt.

Mohr führte aus, dass Homosexualität in der aktuellen innerislamischen Debatte häufig als sündhaft gilt. Als Begründung werde hierzu häufig die bereits aus der Bibel bekannte Lot-Geschichte herangezogen, die laut Mohr im Koran allerdings ein wenig anders erzählt und formuliert wird. Bei näherer Betrachtung werde die moralisch-religiöse Beurteilung der gleichgeschlechtlichen Liebe – wenn überhaupt – aber nur angedeutet, erklärte Mohr. Weder der Begriff der Homosexualität, der Knabenliebe oder die Praxis des Analverkehrs werde explizit genannt. Die Formulierung lasse deshalb einen großen Interpretationsspielraum; und der vorrangige, religiöse Zweck der Geschichte sei ein ganz anderer: Nämlich bildhaft aufzuzeigen, was den Menschen droht, wenn sie den Botschaften der göttlichen Propheten nicht folgen. Auch andere religiöse Texte des Islams, die gerne zur Untermauerung der religiösen Verdammung der Homosexualität herangezogen würden, entpuppten sich bei näherer Betrachtung als wenig glaubwürdig. Die religiöse Beurteilung der Homosexualität, schlussfolgerte er, sei im Islam also keineswegs so eindeutig, wie häufig behauptet wird.

Dass homosexuelle Muslime in islamisch geprägten Ländern trotz dieser "Ambiguität der religiösen Theorie" häufig um ihr Leben fürchten müssen, ist eine politische Realität, die Mohr – selbst gläubiger Muslim und homosexuell – in seinem Vortrag nicht verschweigen wollte. Das Publikum konfrontierte er mit erschreckenden Bildern von Folter und Ermordung durch das IS-Regime. Er betonte aber auch: "Islamisches Recht ist nicht identisch mit dem Koran." Und richtete sich gegen die Gleichsetzung von Islamischer Lehre und konkreter Politik in islamischen Staaten. So stehe eine Mehrheit der Muslime in Deutschland der sogenannten Homo-Ehe aufgeschlossen gegenüber.  

Bei der anschließenden Publikumsdebatte entwickelte sich schnell eine lebhafte und teilweise hitzig geführte Diskussion. Der Referent erhielt für seinen Vortrag viel Zuspruch, musste sich aber auch den Vorwurf gefallen lassen, er beurteile das Thema aus "dem Elfenbeinturm der Wissenschaft" und verharmlose den Islam. Auf diese Vorwürfen reagierte der Vorsitzende des LSVD mit einem Hinweis auf die folgenden Veranstaltungen der Vortragsreihe: Der Vortrag sei explizit als theoretischer Einstieg in das Thema gedacht gewesen. In den nächsten Wochen werde es aber gleich zwei Vorträge homosexueller Muslime geben, die aufgrund religiös bedingter Verfolgung geflüchtet seien. Der LSVD wolle die teils dramatische Situation Homosexueller in islamischen Ländern also keinesfalls verharmlosen, wie er nachdrücklich bemerkte.