Märchen im Spiegel verschiedener Kulturen

Märchenstunde im Rahmen der 16. Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse

Märchenzelt auf dem Schlossplatz, Saarbrücken, Samstag, 21. 05. 2016, 15.00-16.00 Uhr

Ramesch – Forum für interkulturelle Begegnung e.V. veranstaltete als Kooperationspartner der Europäischen Kinder- und Jugendbuchmesse im Rahmen seines Jahresprogramms „Deutschland – Heimat vieler Kulturen“ eine interaktive Märchenstunde auf dem Schlossplatz mit dem Titel „Vom Fremdsein und Beheimatetsein“. Dieses Thema ist angesichts der Flüchtlingszahlen weltweit aktueller denn je, weshalb Ramesch die Migration als Phänomen in Märchen aufgriff.

Oft verlassen Märchenhelden und -heldinnen ihr Zuhause, um ihr Glück in der Fremde zu suchen oder weil sie sonst in der Heimat ihr Leben aufs Spiel setzen würden. Deshalb stellen sie sich lieber den Gefahren und Herausforderungen in der Fremde und bewähren sich dort. Jedoch begeben sich nicht nur Märchenhelden auf Wanderschaft, die Märchen selbst wanderten ebenfalls von Region zu Region und transportierten folglich die Lebensvorstellungen der jeweiligen Kultur weiter. Untersuchungen zeigen, dass viele Märchen etliche Gemeinsamkeiten aufweisen, doch in unterschiedlichen Varianten auftauchen. Sogar Märchen, die als deutsches Kulturgut gelten, gehen häufig auf Überlieferungen aus anderen Kulturen zurück. So machen Märchen nicht nur Mut, ein neues Leben in der Fremde zu beginnen, sondern schlagen auch eine Brücke von Kultur zu Kultur, indem sie nicht an einen Ort gebunden sind und eine Sprache sprechen, die alle verstehen. Dies konnten Groß und Klein spielerisch und kreativ in der interkulturellen Märchenstunde erfahren.

Die Märchenstunde wurde mit Trommel- und Flötenmusik eröffnet. Nach der Begrüßung der Kinder, Eltern und an Märchen Interessierten lösten die Kinder als Erstes ein interkulturelles Märchenrätsel, das sich die Erzählerinnen Elisabeth Nimsgern und Agatha Lallemand ausgedacht hatten. Die meisten Kinder waren mit Märchen vertraut und mit Feuereifer dabei, die Märchenmotive und Symbole zu entschlüsseln. Mit dieser Aufgabe wurden sie schon auf die nächste Aktivität eingestimmt, um mit ihrem Wissen und ihrer Fantasie Gemeinsamkeiten und Unterschiede in einem Parallelmärchen zu entdecken. Hierzu trugen die beiden Erzählerinnen in Anlehnung an das Märchen „Die Schöne und das Biest“ die Geschichte von zwei Kaufleuten vor, wobei der eine aus dem Okzident und der andere aus dem Orient stammte. Der Schluss blieb jedoch offen. Die Kinder waren so interessiert, dass sie mühelos eine Fortsetzung und ein eigenes Ende des Märchens erfanden.

Den Höhepunkt der Märchenstunde bildete das Märchen von „Gulnara, der weisen und tapferen Prinzessin“ aus der Sammlung 1001-Nacht, das Elisabeth Nimsgern erzählte. Die Erzählerin, die mit kleinen Tanz-, Musik- und Dialogeinlagen einen eigenen Vortragsstil pflegt, entführte das Publikum in die faszinierende Welt des Orients, in die Welt der Prinzessin Gulnara und ihrer Brüder. Die bezaubernde und kluge Gulnara lebte mit ihren Brüdern und ihren Eltern ein sorgloses und schönes Leben, das sie aufgab, um ihre Brüder zu suchen, die von einer Bewährungsprobe in der Fremde nicht mehr zurückgekehrt waren. Die Prinzessin war nicht nur klug, sondern auch furchtlos und mutig. Gegen alle Widerstände zog sie aus und überwand unterwegs tapfer alle Hindernisse und Gefahren. So erlöste sie ihre Brüder aus den Klauen einer Hexe, die diese in Steine verwandelt hatte, weil sie nicht achtsam genug waren. Bei der Rückkehr in die Heimat wurden sie mit Jubel empfangen und Gulnara mit allen Ehren als Heldin gefeiert.

Die Kinder hingen gebannt an den Lippen der Erzählerin, die dann auch viel Applaus bekam.

Am Ende der Darbietung sprachen Eltern und Kinder ihren Dank für die gelungene, spannende und interessante interkulturelle Märchenstunde aus und wünschten sich eine Fortsetzung.